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Looks | Französischer Sommer
August 3, 2016
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Reisen | Venezia
September 2, 2016

Kultur | Sea, Sex, Sun, Burkini

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Das Thema der verschleierten Körper am Strand bewegt in diesem Sommer nicht nur Frankreich, sondern auch Deutschland und andere europäischen Länder. Es ist keine Diskussion, bei der liberal gegen konservativ kämpft. Denn konservative Gegner des Burkini-Verbots sind keine Ausnahme, wie es auch genug Sozialisten und Feministinnen gibt, die sich für dieses Verbot ausgesprochen haben. Wäre doch spannend zu erfahren, was eine Simone de Beauvoir oder Coco Chanel zum Thema zu sagen hätten! Leider kann man sie nicht mehr befragen, so dass wir uns selbst eine Meinung bilden müssen.

Oft helfen dabei persönliche Erfahrungen. Im März besuchte ich mit meinem Mann und Baby Dubai. Aus Respekt trug ich dort eher lockere und längere Kleider. Nur am Hotelpool musste ich mich im Bikini zeigen, weil ich ins Wasser wollte. Dabei widerstand ich den bösen Blicken der anwesenden Muslimas, die in ihren schwarzen Niqabs auf den Liegestühlen schwitzten, während die Männer im Wasser planschten und plauderten. Dieses Lebensmodell fand ich, nun ja, speziell, und wenn es darum geht, solchen Frauen in islamischen Ländern das Baden zu ermöglichen, freue ich mich, dass ein Kleidungsstück wie den Burkini gibt.

Im Juli waren wir in Cannes. Auch hier gab es einige Frauen in Burkinis, und ich fand sie unpassend und störend, weshalb ich das später erlassene Verbot innerlich begrüßt habe. Klar – die Bilder waren unschön, als die Polizei eine Muslima zum Ausziehen gezwungen hat. Es wirkte barbarisch. Nichts als barbarisch sei ein Verbot von Burkini, würden jetzt viele sagen. Bei manchen Konservativen las ich sogar, dass es ästhetischer sei, wenn man nicht „fast nackt“ schwimmen geht. Das sehe ich anders. Zum Strand gehört für mich auch die Körperästhetik. „Sea, Sex and Sun“ heisst das Lebensgefühl, nicht nur an der Côte d’Azur und nicht nur für Serge Gainsbourg. Und dieses Gefühl ist ein paar tausend Jahre alt. Schon die alten Ägypter hatten einen Sinn für schöne Körper, erst recht Griechen und Römer, wie wir an den Wandmalereien, Mosaiken und Statuen sehen. In der Renaissance blühte die Körperkultur wieder auf, die dann mit der Jugendbewegung im 20. Jahrhundert einen erneuten Siegeszug antrat. Ja, es gab auch in Europa prüde Phasen, etwa im Frühmittelalter oder im Puritanismus bis Ende des 19. Jahrhunderts. Immer war der Umgang mit schönen Körpern eine Frage der Kultur, und ich bekenne mich zu einer Kultur des Schönen.

Auch die bequeme postmoderne Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen überzeugt mich nicht. Schon rein praktisch stelle ich mir also barbusige, Bikini tragende und vollverschleierte Frauen nebeneinander liegend sehr schwer vor. Es gibt Fragen, da muss man sich entscheiden.

Und es doch geht es um mehr als nur um Ästhetik. Ein Burkini ist nicht mit einem Modeaccessoire gleichzusetzen, der von der Modepolizei gelobt oder verworfen gehört. Und so wie wir – christliche und säkulare Frauen – es selber entscheiden, was wir tragen, sollen es auch Muslimas anhand der selben Menschenrechte für sich festlegen und dabei auch ihrer Religion treu bleiben. Hier halte ich es mit Alice Schwarzer. Denn: Entscheiden die Frauen es wirklich selbst? Ist der Wille zu Burka, Niqab und Burkini denn frei? Und müssen wir den durch äußeren Druck erzeugten Willen zur Unfreiheit respektieren?

Ich denke nicht. Hier geht es nicht um bloße Religion, sondern um eine Ideologie. Alice Schwarzer hat recht: Die Bekleidungsgebote sind „ideologische Gebote; nämlich die fundamentalistische Interpretation schriftgläubiger, rückschrittlicher Muslime, deren erste Opfer, ganz wie in Deutschland, die aufgeklärten MuslimInnen sind.“ Es ist absehbar, dass ein Burkini eine Option vor allem für muslimische Frauen darstellt, die bis jetzt mit einem Badeanzug zufrieden waren. Sie werden, wie schon beim Kopftuch, bald den Druck ihres sozialen Umfelds spüren, sich anzupassen. Vielleicht sogar auch für nicht-muslimische Frauen, die nicht länger die abschätzigen Blicke der muslimischen Badegäste ertragen wollen.

Wehret also den Anfängen! Wenn uns die Kultur der Schönheit, Ästhetik und Körperkultur etwas bedeutet, dann dürfen wir sie nicht einer falsch verstandenen Toleranz opfern. Keine Freiheit den Feinden der Freiheit – zumal, wenn diese Freiheitsfeinde wie der saudische Prinz Nawaf al Saud auf ihren Yachten das savoir vivre mit Bikinischönheiten zelebrieren, aber zugleich den Burkini propagieren.

 

8 Comments

  1. Hakan Can sagt:

    super Artikel

  2. Super Beitrag, den ich sofort auf facebook geteilt habe. Wir müssen unsere Freiheit verteidigen. Keine Toleranz der Intoleranz!

  3. Monika Metternich sagt:

    Liebe Kristina,

    zu allererst: Kompliment! Du siehst toll aus. Das zeigen die vielen Bikinifotos, die Du oben eingestellt hast. Hier beginnt aber bereits mein Gegenargument zu Deiner proklamierten, angeblich abendländischen “Kultur der Schönheit”, die ein Verbot von Burkinis rechtfertigen soll.

    Ich möchte mal ganz persönlich beginnen: Ich bin etwa 40 Jahre älter als Du. Zwar zeigt ein – am besten ohne Brille gewährter – Blick in den Spiegel, dass ich mich figürlich halbwegs gehalten habe. Aber ein Bikini wäre gerade aus echten, realistischen Schönheitserwägungen inzwischen no-go. Ich würde mich lieber umbringen lassen, als Bikinifotos von mir ins Internet zu stellen. Und zwar aus gutem Grund: Bikinis sind etwas für junge, schöne, sexy Frauen. Das war schon immer so. Wirf einen Blick auf das römische Mosaik des “Bikini-Mädchens” aus der sizilianischen Villa des Casale, das Du oben als “Beweisfoto” eingestellt hast, aber auch auf sämtliche “freizügige” Frauengemälde der gesamten europäischen Kunstgeschichte – Du wirst darin, trotz sehr wechselnder Schönheitsideale (Rubens!) nie eine ganz oder teilweise entblösste Frau finden, die hässlich, alt, verschrumpelt oder unsexy ist. Die Vorstellung, einer Art kulturellen Verpflichtung für ALLE Frauen, sich am Strand zu entblössen, wird jedenfalls sowohl durch die europäische Kunstgeschichte, als auch durch eine realistische Selbstbetrachtung, die sich durchaus AUCH auf den Schönheitssinn berufen kann, ad absurdum geführt.

    Kommen wir nun zu “Sea, Sex and Sun”. “Sea”: In der europäischen Restgeschichte spielte die körperliche Ertüchtigung im Wasser kaum eine Rolle bis zum 19. Jahrhundert, wo das Seebaden aus Gesundheitsgründen erfunden wurde. Um so sensationeller das o.a. antike Mosaik vom Bikinimädchen, das eindeutig SPORTLERINNEN zeigte, was sich unschwer am Kontext der umgebenden Mosaiken (Wagenlenker, Speerwerfer etc) zeigen lässt. Die antiken Bikinis waren also weniger als sexy Augenschmaus gedacht (auch wenn sie das bis heute unzweifelhaft sind, ähnlich den Strandvolleyballerinnen heute, die wahrscheinlich den Hauptpunkt ihres Sportes auch nicht als “Sea, Sex an Sun” umschreiben würden), sondern als Sportbekleidung. Heute weiss man, dass man beim sportlichen Schwimmen im Einteiler noch schneller ist (oder hast Du schon mal eine Schwimm-Olympionikin im Bikini gesehen?), insofern spricht der sportliche Aspekt nicht unbedingt für den Bikini. Genau der sportliche Aspekt führt aber in eine sehr ähnliche Debatte, die ich bei meinen Jungs erlebt habe: Die Männer unserer eher britisch (also europäisch!) geprägten Familie zogen immer Boxershorts-Badehosen vor. Die hautengen Badeslips, wie die in Deutschland überwiegend üblich sind, galten und gelten nämlich in GB bis heute als Inbegriff peinlichster Spiessigkeit. im Sportunterricht mußten unsere Jungs dann aber die hautengen Minihöschen tragen, was sie natürlich zu noch überzeugteren Boxershortlern gemacht hat. Interessant war aber damals, dass der Sportlehrer mir damals bedeutete, die englischen Badeshorts seien Ausdruck von “Prüderie”, was mich damals ziemlich überraschte. Bestätigt wurde dieses mir sehr deutsch vorkommende Verdikt, als ich erfuhr, dass deutsche Touristen auf gehobenen britischen und amerikanischen Kreuzfahrtschiffen bis heute darum gebeten werden, zum Schwimmen an Bord Boxershorts mitzubringen, da die in Deutschland üblichen, eng anliegenden Polyester-Höschen als “obszön” wahrgenommen würden. Sex scheint also bei Badebekleidung tatsächlich eine Rolle zu spielen.

    Kommen wir aber erst mal zum letzen Punkt: “Sun”. Dass das Sonnenbaden eine uralte europäische Tradition sein soll, wäre mir völlig neu .Ganz das Gegenteil ist der Fall. Noch bis zum Anfang letzten Jahrhunderts galt Sonnenbräune als Ausweis von Armut. Sonnengebräunt war nur, wer zu Arbeit an der Luft gezwungen war: Die Bourgeoisie und der Adel pflegte mit höchster Anstrengung den makellos weissen Teint, um so nach außen demonstrieren zu können, dass man eben gerade nicht “zu denen da” gehörte, die harte Arbeit zu verrichten hatten. “Sun” wurde also aufs Äusserste gemieden, wofür eine jahrhundertelange Sonnenschirm- und Hutmode Zeuge ist. Und noch ein anderer Punkt betrifft die Kleidung: Nacktheit bis auf einen Lendenschurz (oder, wie in Polynesien üblich, noch ein Bikinioberteil) galt noch bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein als Ausdruck der “Wilden”, wie sie genannt wurden, sprich, der unzivilisierten Völker, denen man sich im europäischen Westen himmelhoch überlegen glaubte. Es waren höchstens avantgardistische Eliten, die sich – sowohl was Kleidung als auch was Sonnenbräune betrifft – diesem europäischen “Mainstream” widersetzten – und nicht selten als skandalös, unmoralisch oder überhaupt verrückt bezeichnet wurden. Mit dem Beginn der wilhelminischen Ära erst kam die Mode auf, sich Sonne und Meerluft auszusetzen – aus gesundheitlichen Gründen. Die Seebäder waren die Folge. Diese wurden zu mondänen Zentren des Sehens und Gesehenwerdens bei gleichzeitigem Genuss der gesundheitsfördernden Wirkung. Allerdings – und zwar bei Damen und Herren! – im hochgeschlossenen Badekostüm.

    Womit wir bei “Sex” aus deiner Argumentation “Sea, Sex and Sun” wären. Der setzt voraus, dass das Strandvergnügen nicht nur im Schwimmen und Sonnen bestehen müsse, sondern auch darin, sexy zu erscheinen. Nun muss ich Dir hier vehement widersprechen, schlicht deshalb, weil das sexy-sein für sehr viele Frauen UND Männer (siehe Boxershorts oben!) einfach überhaupt keine Option beim Strandvergnügen darstellt. Einerseits- siehe oben – weil man schlicht nicht (mehr) sexy IST (Alter, Figur) – hier solltest Du schon realistisch sein und nicht von der eigenen glänzenden Statur auf alle anderen Frauen schliessen. Andererseits, weil diese Erwägung einfach keine Rolle spielt: Man kann tatsächlich auch schwimmen und sonnen, ohne für irgendwen sexy sein zu wollen. Oder drittens: Weil man genau diesen Aspekt ausschliessen will. Womit wir beim Burkini sind. Frauen, die einen Burkini tragen, wollen schwimmen, ohne sich selbst als Sexualobjekt zu zeigen. So wird das übrigens in grossen Teilen der Welt gesehen – nicht nur im arabischen, sondern auch im gesamten asiatischen Raum. Natürlich gibt es auch Japanerinnen, Chinesinnen oder Inderinnen, die im Bikini schwimmen gehen. Auf das Gros der Frauen in diesen Kulturen trifft das aber nicht zu. So wirst Du in Indien Sari-umstoffte Frauen im Wasser sehen, oder in Malaysia Badegewänder, die dem Burkini nicht ganz unähnlich sind (sie lassen etwas mehr Haut frei an Beinen und Armen, sind aber bedeutend stoffreicher als unsere heutigen Ganzteiler). Sie erinnern übrigens – siehe oben – durchaus an die Bilder von badenden Frauen Anfang des Jahrhunderts aus Deauville, das bekanntlich in Frankreich und damit mitten in Europa liegt. Offenbar ist es keine lange, europäische Tradition, für Frauen sich beim Baden in Gewässern nahezu vollkommen zu entblössen. Sonst wäre das antike, sizilianische Bikinimädchen ja überhaupt keine Sensation. “Modest” wird dieser Bademodenstil genannt, und das heißt nicht nur “bescheiden”, sondern auch “züchtig, sittsam, schlicht, maßvoll”. Alles “Werte”, die im christlichen Europa durchaus Tradition haben – und gegen die niemand vehementer aufgestanden ist als Friedrich Nietzsche. Auf ihn kannst Du Dich also berufen. Ob Nietzsche nun der Inbegriff der europäischen Wertetradition ist, mußt Du selbst entscheiden.

    Ich will mich hier gar nicht für oder gegen den Burkini in europäischen Strandbädern positionieren. Ich möchte nur Deiner Argumentation widersprechen, der Bikini sei Ausweis der uralten europäischen Werte “Sea, Sex and Sun”. Oder noch extremer: Einer “Kultur der Schönheit”. Wer jüngst an einem beliebigen Badestrand Europas gelegen hat, kann den fleischgewordenen Gegenbeweis führen.

    Herzliche Grüße
    Monika

    • Liebe Monika, ich möchte gar nicht Eure Kommunikation unter Frauen stören, aber ich bin über einen Satz bei Dir gestolpert: “Frauen, die einen Burkini tragen, wollen schwimmen, ohne sich selbst als Sexualobjekt zu zeigen.” – Pardon, aber das halte ich für eine groteske Fehleinschätzung! Der Burkini ist doch – wie der Niqab, die Burka, der Tschador – kein Ausdruck individueller Entscheidung für oder gegen etwas, er ist kein individuelles Statement, sondern ein Instrument der Unterdrückung. Nicht die Trägerin entscheidet sich frei dafür, sondern ihre Freiheit wird negiert durch das Aufzwingen dieses Gewandes. Es geht darum, durch teils abscheuliche Regeln, die religiös begründet werden, die weibliche Sexualität, ja die gesamte Individualität und damit Würde zu verhüllen. Und damit steht er schon gegen die europäische Tradition und Kultur.

      Und was den Stabreim von “Sea, Sex, and Sun” angeht – das habe ich als Anspielung auf Serge Gainsbourg verstanden. https://www.youtube.com/watch?v=c_0sjMg-yRw

      Liebe Grüße nach Bonn! Max (PS: Pass inzwischen beantragt?)

  4. Ich finde den Artikel sehr gut auf den . gebracht 🙂 Ich arbeite seit über Vierzig Jahren als Fotografin und bin froh, dass die Entwicklung in Deutschland soweit gekommen ist, dass sich auch 40, 50 oder wie alt auch immer – Jährige mit ihrem Körper positiv beschäftigen, sich trauen ihn anzunehmen wie er ist und ihn auch ohne Vorbehalte zu zeigen, in all seiner eigenen Ästhetik und Schönheit. Diese Möglichkeit sollte allen offen stehen …

  5. Hinnerk sagt:

    Im Grunde kann man mit Nietzsche, den Sie offenbar genauso verehren wie ich, die Sache mit der Forderung nach Verschleierung der Frauen im Islam auf den Punkt bringen: Männer, die dies wollen, fordern und durchsetzen sind besessen vom “allerhöchsten grossmächtigsten Teufel Zarathustras”, dem “Geist der Schwere”!

    Und deswegen schließe ich mich Nietzsche an, der singt: “Lasst vom Tanze nicht ab, ihr lieblichen Mädchen! Kein Spielverderber kam zu euch mit bösem Blick, kein Mädchen-Feind. Gottes Fürsprecher bin ich vor dem Teufel: der aber ist der Geist der Schwere. Wie sollte ich, ihr Leichten, göttlichen Tänzen feind sein? Oder Mädchen-Füssen mit schönen Knöcheln?”

    Nicht ohne warnend den Finger davor zu heben sich zum Zorn gegen diese Verschleierung reizen zu lassen, denn:

    “Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tödtet man. Auf, lasst uns den Geist der Schwere tödten!”

    Ich finde diese Verschleierung zum Todtlachen!

  6. C. H. sagt:

    Lasst sie doch tragen, was sie wollen!
    Wer in einem streng muslimischen Land in nicht landestypischer Badebekleidung in den Pool springt, sollte schon die menschliche Größe aufbringen, es anderen ebenfalls zuzugestehen. Ziemlich selbstgerecht, das eigene Wertesystem für das einzig richtige zu haltten.