“Was haben wir vergessen?” fragt der neue Papst Pius XIII. die Menschenmenge bei seiner ersten Ansprache auf dem Petersplatz. Ja, was denn? Der Regisseur Paolo Sorrentino (“La Grande Bellezza”) hat eine bemerkenswerte Serie über das Papsttum vorgelegt, die den Zuschauer ergreift. Seine Filmkunst ist wie der neue Papst selbst: widersprüchlich, unberechenbar und verwirrend. Die Brüste einer jungen Frau in der Morgensonne, Fußball spielende Nonnen in den vatikanischen Gärten, ein depressiver und am Glauben zweifelnder Kardinal in seiner dunklen Wohnung; bereits die Bilder sind von einer detaillierten Kenntnis der katholischen Ästhetik geprägt. Denn die lebte immer von der Spannung zwischen der Pracht Gottes und seiner Schöpfung einerseits und dem Elend der sündhaften menschlichen Natur andererseits.

Wer ist der junge Papst Pius XIII.? Schon der Name ist Provokation, stellt er doch eine Verbindung den aus heutiger Sicht reaktionären Pius-Päpsten her: Pius IX., der die Unfehlbarkeit kanonisierte, Pius X., der die moderne Theologie verurteilte oder der bis heute umstrittene Pius XII.. The Young Pope selbst nennt sich eine Antithese: “Wie Gott. Einer in drei Personen. Wie Maria, Jungfrau und Mutter. Wie der Mensch, gut und böse“. Unbescheiden und machtsüchtig, zeigt er sich doch stets als ein Mann des Glaubens, der die Berge versetzen kann, und dem nur die Kirche am Herzen liegt. Trotzdem oder deshalb benimmt er sich wie ein launischer Rockstar. Er liebt Gott wie sich selbst, und zwar intensiv. Seine Unzugänglichkeit wirkt wie ein Magnet auf die Menschen. Denn Persönlichkeiten findet man immer dann interessant, wenn sie nicht alles preisgeben und nicht ohne innere Konflikte und Kämpfe dastehen.

„Der junge Papst“ ist aber nicht nur eine Antithese in sich selbst, sondern auch zur Kirche von heute. Schlichtheit, Volksnähe und Toleranz stehen bei ihm nicht auf dem Programm. Die Kirche ist keine Demokratie und braucht zu ihrem Überleben mehr die Nähe zu Gott als zum Menschen. Das ist ihr Konzept und das hat ihr Überleben durch die Jahrhunderte ermöglicht. Deshalb wird die Tiara aus Washington zurückgeholt und die lateinische Liturgie wieder hergestellt und müssen die Kardinäle dem Papst den rot beschuhten Fuß küssen. Das alles, nur damit die Kirche sich wieder wie eine Diva erobern lassen kann. Sorrentino präsentiert damit einen eindrucksvollen Gegenentwurf zur Kirche des Papstes Franziskus: mystisch, tief und sexy.

Deshalb betet der Papst im Flugzeug, statt mit den Journalisten zu plaudern. Er will Gott und dem Mysterium wieder mehr Raum geben. Das hat mich persönlich am meisten an dieser TV-Serie berührt. Die Beziehung mit Gott, wie sie der junge Papst lebt, ist eine leidenschaftliche und verhängnisvolle, die den Menschen nicht schlafen und essen lässt, die sein ganzes Herz eingenommen hat. Der Mensch ist nicht nur ein Kind Gottes, sondern auch sein Partner. Diese Art Gottesbeziehung erscheint heute alttestamentlich, aber so haben sie viele Heilige in der Geschichte der Kirche gelebt.

„The Young Pope“ ist ein gewagtes Szenario einer Kirche, die gar nicht den gewöhlichen Vorstellungen und modernen Kategorien des Humanismus entspricht. Es lohnt sich, die Serie zu Ende zu schauen, um wirklich die Idee dahinter verstehen zu können, und auch zu sehen, welche Dynamik das Wirken eines solchen unmodernen jungen Papstes annimmt. Diese Serie ist keine Ode an die Härte und Herzlosigkeit eines Kirchenfürsten, sondern an die Heiligkeit und auch die Liebe. Damit ist “The Young Pope” ein beeindruckendes Glaubensbekenntnis und zugleich ein Aufruf an die heutige Kirche, sich in Erinnerung zu rufen, was sie bei ihrer Öffnung zur Welt vergessen hat.

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